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Wenn die Klinik zur Mangelernährung führt: Wie KI-Bildanalyse das Risiko minimiert
Es ist eines der paradoxesten Probleme des modernen stationären Gesundheitswesens: Menschen begeben sich in klinische Behandlung, um zu genesen –...
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nursIT Redaktion
15. September 2026, 08:20:29 MESZ
Kurz nach halb neun rollt der Frühstückswagen zurück auf den Flur. Auf den Tabletts liegt, was übrig geblieben ist: ein angebissenes Brötchen, ein leerer Joghurtbecher, eine unberührte Scheibe Käse. Die Pflegekraft, die abräumt, hat für jedes dieser Tabletts etwa zwei Sekunden Zeit, bevor sie im Dokumentationssystem einen Wert eintragen muss. Ein Viertel. Die Hälfte. Drei Viertel. Auf dieser Einschätzung, dreimal täglich, über Tage hinweg, ruht in deutschen Kliniken die gesamte Ernährungsdokumentation.
Seit März 2026 ruht darauf zusätzlich eine gesetzliche Pflicht. Mit dem Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) hat der Bundestag das systematische Ernährungsscreening für stationäre Patientinnen und Patienten verbindlich verankert. Der Anlass ist gut belegt: Bis zu 30 Prozent aller Krankenhauspatienten in Deutschland sind laut Deutscher Gesellschaft für Ernährungsmedizin von Mangelernährung betroffen oder gefährdet, und rund 55.000 Todesfälle jährlich gelten als vermeidbar.
Dr. Thomas Hartkens, Chief Innovation Officer der nursIT Institute GmbH, hat die klinische Kette dahinter bei der Produktdemo auf der DMEA 2026 nachgezeichnet. Sein Ausgangspunkt: Viele Patientinnen und Patienten bringen die Mangelernährung gar nicht mit ins Haus, sie entsteht oder verschärft sich dort. Hartkens verweist auf einschlägige Fachpublikationen, wonach sich die Ernährungssituation bei bis zu 65 Prozent der Betroffenen im Verlauf der Liegezeit weiter verschlechtert.
Es ist eines der paradoxesten Probleme des modernen stationären Gesundheitswesens: Menschen begeben sich in klinische Behandlung, um zu genesen – und nicht selten verschlechtert sich während des Aufenthalts ausgerechnet ihr Ernährungszustand.
Die Folgen sind klinisch messbar und ökonomisch relevant: verzögerte Wundheilung, erhöhte Komplikationsrate, deutlich verlängerte Verweildauer. Das Tückische daran ist der schleichende Charakter. Ein ausgelassenes Mittagessen fällt niemandem auf, eine über eine Woche hinweg langsam absinkende Kalorien- und Proteinzufuhr ebenso wenig, solange niemand die Werte zusammenrechnet. Genau dafür existiert die Ernährungsdokumentation, und genau an dieser Stelle beginnt das Problem.
Die Datenlage zur Schätzmethode ist unangenehm eindeutig. Victoria Castellanos und Yvonne Andrews verglichen bereits 2002 die Schätzungen von Pflegehilfskräften mit gewogenen Referenzwerten. Unter Routinebedingungen traf die Angabe in 44 Prozent der Fälle zu, die Intraklassen-Korrelation lag bei schwachen 0,464. Wichtiger als die Trefferquote ist die Richtung des Fehlers: Geschätzt wurde systematisch zu hoch, und zwar umso stärker, je weniger gegessen worden war. Von den Mahlzeiten mit weniger als 75 Prozent Verzehr erkannte das Verfahren nur jede vierte (J Am Diet Assoc 2002;102:826–830). Ausgerechnet die gefährdeten Patienten verschwinden also am zuverlässigsten in der Statistik.
Eine australische Arbeitsgruppe um Michelle Palmer kam 2015 im Akutkrankenhaus zu vergleichbaren Ergebnissen: 93 Prozent der Ernährungsprotokolle waren unvollständig, die Übereinstimmungsgrenzen reichten von minus 497 bis plus 552 Kilokalorien pro Mahlzeit (Clin Nutr 2015;34:761–766). Zwei Kolleginnen, dasselbe Tablett, zwei Werte, die um eine komplette Mahlzeit auseinanderliegen können. Eine japanische Untersuchung von 2016 bestätigt das Muster und zeigt zusätzlich, dass die Genauigkeit bei pürierten und texturmodifizierten Kostformen weiter abnimmt (Clin Nutr 2016).
Keine dieser Studien wirft dem Personal Nachlässigkeit vor. Sie beschreiben die Leistungsgrenze einer Methode, die von Menschen unter Zeitdruck eine quantitative Messung mit bloßem Auge verlangt.
Eine unscharfe Einzelangabe wäre verkraftbar, wenn sie für sich stünde. Der klinische Zweck ist jedoch der Verlauf: Erkannt wird ein Ernährungsrisiko über Schwellenwerte, etwa eine Energiezufuhr unterhalb der Hälfte des Bedarfs über mehrere Tage. Sind die Einzelwerte nach oben verzerrt und schwanken sie zusätzlich zwischen den Beurteilenden, überträgt sich beides in die Kurve. Was dort als Trend erscheint, bildet dann womöglich ab, wer an welchem Tag Dienst hatte.
Dazu kommt die Zeitfrage. Eine sorgfältige Schätzung für jeden Patienten, dreimal täglich, ist auf einer Station mit unbesetzten Stellen nicht durchzuhalten. Die 93 Prozent unvollständigen Protokolle sind insofern kein Ausreißer, sondern die logische Folge.
Um diese kritische Versorgungslücke zu schließen, haben wir bei NursIT die Anwendung careIT Mealtracker entwickelt. Dr. Hartkens demonstrierte auf der DMEA den praxisnahen Workflow, der die fehleranfällige manuelle Dokumentation durch ein sensor- und fotobasiertes Verfahren über mobile Endgeräte ersetzt. Anstatt mühsam zu schätzen, ob ein Patient ein Viertel oder die Hälfte der Mahlzeit verzehrt hat, reicht ein einfaches Vorher-Nachher-Foto des Tabletts.
Der Ablauf fügt sich nahtlos in die bestehenden Routinen der Essensausgabe und -rücknahme ein:
Die integrierte KI übersetzt das optische Ergebnis direkt in eine präzise Nährwertberechnung. Ausgegeben werden die exakten Werte für Kalorien, Kohlenhydrate, Proteine und Fette sowie eine automatisierte textuelle Zusammenfassung des Essverhaltens für den Pflegebericht.

Ein zentraler Aspekt unseres Ansatzes ist die tiefe Systemintegration. Die über careIT Mealtracker erhobenen Daten verbleiben nicht isoliert in einer separaten App, sondern fließen ohne Medienbrüche direkt in unsere primäre, klinische Dokumentationssoftware careIT.
Innerhalb von careIT werden die täglich erfassten Nährstoffdaten automatisch aggregiert und in einer kontinuierlichen Verlaufsübersicht im Dashboard dargestellt. Das Ernährungsscreening wird damit zu einem automatisierten Nebenprodukt des ohnehin stattfindenden Arbeitsablaufs.
Fällt die Energie- oder Proteinzufuhr eines Patienten über mehrere Tage unter einen kritischen, individuell definierten Schwellenwert, schlägt die Hauptsoftware careIT automatisch Alarm. Das medizinische und pflegerische Personal kann dadurch proaktiv intervenieren – beispielsweise durch die Anpassung der Kostform oder die gezielte Hinzuziehung eines Ernährungsteams –, noch bevor eine manifeste Mangelernährung den klinischen Outcome gefährdet.
Wir übertragen das bewährte Konzept unserer sprachbasierten Dokumentationslösung careIT Voice (Speech2FHIR) nun konsequent auf die Nahrungsaufnahme: Mit Photo2FHIR etablieren wir einen neuen Standard für die digitale Ernährungserfassung. Anstatt die Ergebnisse der Bildanalyse in proprietären Datensilos zu isolieren, überführen wir sie unmittelbar in standardisierte FHIR-Ressourcen (Fast Healthcare Interoperability Resources). Dies garantiert echte Interoperabilität: Die klinisch relevanten Ernährungsdaten sind systemübergreifend verfügbar, jederzeit abrufbar und bilden die fundierte Basis für klinische Analysen sowie KI-gestützte Entscheidungsunterstützung..
Der strategische Ansatz von NursIT fügt sich konsequent in die aktuellen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen ein. Die weiterentwickelte Digitalisierungsstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) setzt einen klaren Fokus auf die Entbürokratisierung des klinischen Alltags: Bis zum Jahr 2028 soll der Einsatz von KI-gestützten Dokumentationsverfahren in 70 Prozent aller deutschen Krankenhäuser als Standard etabliert sein, um die administrative Arbeitsbelastung in der Pflege nachhaltig zu senken.
Wie Dr. Thomas Hartkens betont, entfaltet Künstliche Intelligenz ihren vollen Mehrwert nur dann, wenn sie unmittelbar in den klinischen Workflow integriert wird. Indem die Technologie die Datenerfassung im Hintergrund automatisiert, wird das Pflegepersonal von redundanter Dokumentationsarbeit befreit und gewinnt wertvolle Ressourcen für die direkte Versorgung der Patienten zurück.
Sie möchten mehr erfahren über careIT Mealtracker? Sprechen Sie uns an.

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