Digitalisierung in der Pflege

Vom Datensilo zum Patientendatenraum

Geschrieben von nursIT Redaktion | 7. Mai 2026 23:33:24 Z

Warum Gesundheitsdaten erst dann wertvoll werden, wenn sie Versorgung verändern

 

Deutschland hat lange über Digitalisierung im Gesundheitswesen gesprochen, als ginge es vor allem um Technik. Um Schnittstellen. Um Akten. Um Software. Um Sicherheit. Um Zuständigkeiten. Doch wer Patientinnen und Patienten durch das System begleitet, merkt schnell: Das eigentliche Problem ist nicht, dass keine Daten existieren. Das Problem ist, dass sie zu selten dort ankommen, wo sie im nächsten Versorgungsschritt gebraucht werden.

Ein aktueller Laborwert liegt im Krankenhaus. Die Medikationshistorie steckt in der Praxissoftware. Ein Entlassbrief kommt als PDF. Die Apotheke sieht nur einen Ausschnitt. Die Pflege dokumentiert wieder an anderer Stelle. Und Angehörige werden nicht selten zu menschlichen Schnittstellen zwischen ambulanter, stationärer und pflegerischer Versorgung.

Genau an diesem Punkt setzte das von Carsten Schmid, Vertriebsleiter bei nursIT Institute, moderierte Forum auf der DMEA 2026 an: „Vom Datensilo zum Patientendatenraum: Wie digitale Technologien die Versorgung neu definieren.“ Die grundsätzliche Frage lautete: Wie wird aus digital vorhandenen Daten ein echter Nutzen für Versorgung?

(Hinweis: Am Ende dieses Beitrags finden Sie die komplette, 45-minütige Panel-Diskussion als Video in voller Länge!).

Von links nach rechts: Jakob Scholz, Head of Digital Strategy Outpatient Services bei der KV Westfalen-Lippe, brachte die praxisnahe Perspektive der ambulanten Versorgung ein. Joachim Mielert, ehemals Generalsekretär des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), vertrat die Perspektive von Patientensicherheit und Patientenbeteiligung. Dr. Nina Bougatf, Senior Business Development Manager bei CGM Clinical, ordnete die technologischen und semantischen Herausforderungen klinischer Datenräume ein. Dr. Matthias Norden, Projektleiter Digitalisierung bei mio42, sprach über Standardisierung, Interoperabilität und das Konzept eines „Patientenuniversums“. Moderiert wurde die Diskussion von Carsten Schmid, Head of Sales bei nursIT Institute.


Nicht ein Datenraum, sondern viele Räume mit verschlossenen Türen

Carsten Schmid eröffnete die Diskussion mit einem Bild aus dem Versorgungsalltag: Wer ältere Angehörige begleitet, trägt oft Aktenordner, Befunde und Medikationspläne zusammen. Nicht, weil keine Daten entstehen. Sondern weil sie in der Praxis, im Krankenhaus, im Labor, bei der Krankenkasse oder in der Apotheke jeweils in eigenen Systemen liegen.

Dr. Nina Bougatf (CGM Clinical), brachte es aus Hersteller- und Krankenhausperspektive auf den Punkt: Es gebe nicht den einen Patientendatenraum, sondern viele Datenräume in unterschiedlichen Sektoren. Der eigentliche Patientendatenraum müsse erst aus der Zusammenführung dieser Räume entstehen.

Dr. Matthias Norden (mio42), erweiterte den Begriff im Panel zu einem „Patientenuniversum“: Räume mit offenen Türen, die eine gemeinsame Sprache sprechen. Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit. Denn Datenaustausch ist nicht nur eine technische Frage. Er ist eine Frage gemeinsamer Bedeutung.

Das passt zur Entwicklung der elektronischen Patientenakte. Die ePA für alle wurde am 15. Januar 2025 gestartet; nach der Modellphase begann der bundesweite Rollout am 29. April 2025. Seit dem 1. Oktober 2025 sind Praxen, Krankenhäuser und Apotheken zur Nutzung verpflichtet. Gleichzeitig zeigt die Diskussion: Eine Akte allein macht noch keinen Datenraum. Eine zentrale Ablage ersetzt keine Versorgungslogik.

 

Ohne Kontext bleiben Daten nur Daten

Einer der wichtigsten Sätze des Panels kam von Dr. Nina Bougatf: Technische Strukturierung reiche nicht. Ein Wert wie „80 kg“ sei allein noch keine medizinisch verwertbare Information. Entscheidend sei der Kontext: Handelt es sich um ein Geburtsgewicht, ein Aufnahmegewicht, ein Entlassgewicht oder einen Verlaufsmesswert?

Das klingt banal, ist aber zentral. Im Gesundheitswesen wird Bedeutung nicht automatisch mitgespeichert. Sie entsteht häufig im Gespräch, in der Situation, durch implizites Wissen von Ärztinnen, Pflegenden, Therapeutinnen oder Sozialdiensten. Wird dieser Kontext nicht sauber modelliert, kann ein anderer Leistungserbringer die Daten später falsch interpretieren — oder gar nicht nutzen.

Carsten Schmid formulierte nach dem Forum auf LinkedIn entsprechend: „Ohne Kontext bleiben Daten wertlos.“ Erst durch semantische Einordnung werde aus Daten Information und aus Information Entscheidungsrelevanz. In seinem Beitrag „Vom Datensilo zur echten Entscheidungsbasis – wo stehen wir wirklich?“ zieht er das Fazit: Die Technologie sei nicht mehr der Engpass. Die eigentliche Herausforderung liege in Kontext, Governance und Zusammenarbeit.

Genau deshalb sind Standards wie MIOs, FHIR oder LOINC keine technischen Nebenthemen, sondern Voraussetzung für Versorgung. Die KBV beschreibt Medizinische Informationsobjekte, kurz MIOs, als standardisierte Informationsbausteine für die ePA, die im Gegensatz zu PDF-Dokumenten weiterverarbeitbar sind. Ziel ist, dass Informationen in Praxis, Krankenhaus oder Apotheke systemübergreifend lesbar und bearbeitbar werden. LOINC wiederum versteht sich als internationaler Standard zur Identifikation von Gesundheitsmessungen, Beobachtungen und Dokumenten.

Oder einfacher gesagt: Ein PDF kann gelesen werden. Ein semantisch strukturierter Datensatz kann verstanden, geprüft, weiterverarbeitet und in Entscheidungen eingebunden werden.

 

Die ePA ist wichtig. Aber sie löst keine Governance-Frage.

Jakob Scholz, (KV Westfalen-Lippe), beschrieb die ambulante Ausgangslage nüchtern: Praxisverwaltungssysteme seien historisch stark aus der Abrechnungslogik heraus entstanden. Sie waren lange weniger medizinische Informationssysteme als Verwaltungs- und Abrechnungssysteme.

Trotzdem sieht Scholz erste Anwendungen, die echten Nutzen erzeugen. Besonders die elektronische Medikationsliste bezeichnete er in der Diskussion als eine Art „Killerapplikation“ der ePA: Dort, wo strukturierte Daten direkt im Alltag helfen, werden sie auch genutzt — selbst von Ärztinnen und Ärzten, die der Telematikinfrastruktur sonst skeptisch gegenüberstehen.

Das Beispiel ist gut gewählt, weil es zugleich den Fortschritt und die Grenzen zeigt. Die elektronische Medikationsliste kann einen schnellen Überblick über verordnete und abgegebene Arzneimittel geben. Aber sie ist kein vollständiges Abbild der Arzneimitteltherapie. Frei verkäufliche Medikamente, im Ausland erworbene Präparate oder analog verordnete Arzneien können fehlen.

Damit wird eine zentrale Wahrheit sichtbar: Die ePA ist ein wichtiger Baustein. Aber ein Patientendatenraum entsteht erst, wenn Datenqualität, Rollen, Verantwortung, Workflows und regionale Versorgungspfade zusammen gedacht werden.

Carsten Schmid hat diese Lücke in einem weiteren LinkedIn-Beitrag scharf formuliert: „Deutschland diskutiert Gesundheitsdatenräume, als wären sie ein IT-Projekt. Genau das ist das Problem.“ In seinem Post „Deutschland diskutiert Gesundheitsdatenräume, als wären sie ein IT-Projekt“ beschreibt er die eigentliche Herausforderung nicht als Daten-, sondern als Governance-Problem. Solange Krankenhäuser, Praxen, Pflege, Kostenträger und Politik in eigenen Finanzierungs- und Steuerungslogiken denken, bleibe jeder Patientendatenraum „ein weiteres Digitalprojekt ohne Versorgungseffekt“.

Das ist unbequem, aber es trifft den Kern der Debatte. Denn Patientenzentrierung ist leicht gesagt. Sie wird erst real, wenn jemand den gesamten Patientenpfad verantwortet.

 

Patientensicherheit beginnt mit Verständlichkeit

Joachim Mielert, der die Patienten- und Patientensicherheitsperspektive in die Runde einbrachte, erinnerte daran, dass Vertrauen die zentrale Währung sei. Patientinnen und Patienten müssten nachvollziehen können, was mit ihren Daten geschieht, wer Zugriff hat und welchen Nutzen sie davon haben.

Sein Bild vom analogen Aktenordner war dabei mehr als Nostalgie. Der Ordner mit Locher und Register ist für viele Menschen verständlicher als eine Landschaft aus Apps, Berechtigungen, Dokumenttypen und unterschiedlichen Oberflächen. Wer Digitalisierung ernst meint, darf die Benutzeroberfläche nicht als Nebensache behandeln. Für Patientinnen und Patienten entscheidet sich dort, ob aus Daten Vertrauen entsteht — oder Überforderung.

Mielerts Leitplanke lautet deshalb: Patientensicherheit. Daten retten Leben, aber nur dann, wenn sie im richtigen Moment verfügbar, verständlich und handlungsrelevant sind. Dazu gehört auch Shared Decision Making: Ärztinnen, Apotheker, Pflege, Patientinnen und Patienten müssen auf einer gemeinsamen Informationsbasis sprechen können.

Jakob Scholz ergänzte eine wichtige Nuance: Patient Empowerment bedeute auch zu akzeptieren, dass manche Patientinnen und Patienten ihre Daten gar nicht selbst aktiv verwalten wollen. Gerade ältere oder digital weniger affine Menschen müssen trotzdem profitieren können. Eine ePA darf nicht nur denen helfen, die eine App bedienen, Berechtigungen setzen und Dokumente aktiv kuratieren. Sie muss auch im Versorgungskontext wirken.

 

Der blinde Fleck: Intersektoralität

Nach der DMEA zog Carsten Schmid auf LinkedIn ein persönliches Fazit: „Viel KI – wenig Intersektoralität.“ Trotz viel Optimismus habe er zu wenige Lösungen gesehen, die die Zusammenarbeit zwischen stationärer, ambulanter und pflegerischer Versorgung konsequent unterstützen — insbesondere in der Behandlungsdokumentation entlang der gesamten Patient Journey.

Genau hier liegt aus Sicht von nursIT einer der entscheidenden Punkte. Die Zukunft der Gesundheitsversorgung entsteht nicht innerhalb einzelner Sektoren. Krankenhäuser bauen MVZ-Strukturen auf, ambulante und stationäre Leistungen verschieben sich, Pflege wird stärker in regionale Versorgung eingebunden, und Modelle wie Hospital at Home zeigen, dass Versorgung zunehmend dort stattfinden muss, wo der Patient ist — nicht dort, wo die Systemgrenze verläuft.

Auch die Krankenhausreform weist in diese Richtung. Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen sollen stationäre, ambulante und pflegerische Leistungen wohnortnah verbinden. Digitalisierung und KI werden zugleich als Bausteine genannt, um Dokumentation und Datenerfassung weiterzuentwickeln.

Doch wenn die Dokumentation weiterhin am Sektor endet, bleibt auch die Versorgung fragmentiert. Dann digitalisieren wir nicht den Patientenpfad, sondern nur einzelne Stationen auf diesem Pfad.

 

Europa macht Druck: Der EHDS setzt den Rahmen

Der European Health Data Space, kurz EHDS, erhöht den Veränderungsdruck. Die EHDS-Verordnung wurde im März 2025 veröffentlicht und trat kurz darauf in Kraft. Zentrale Anwendungsschritte folgen gestaffelt: Ab 2029 sollen unter anderem Patientenkurzakten, elektronische Verschreibungen und Abgabedaten EU-weit austauschbar werden; ab 2031 sollen medizinische Bilder, Laborergebnisse und Krankenhausentlassberichte folgen.

Das bedeutet: Interoperabilität wird nicht länger nur ein deutsches Reformziel bleiben. Sie wird europäische Pflicht. Aber auch hier gilt: Regulierung schafft Rahmenbedingungen, keine Versorgungskultur. Der EHDS kann Türen öffnen. Hindurchgehen müssen die Akteure selbst.

 

Was jetzt zu tun ist

Die Paneldiskussion zeigt drei Aufgaben, die jetzt zusammengehören.

Erstens: Daten müssen semantisch nutzbar werden. Struktur allein reicht nicht. Gesundheitsdaten brauchen Kontext, Standardisierung und medizinische Bedeutung.

Zweitens: Daten müssen in Workflows ankommen. Ärztinnen, Pflegekräfte, Apotheken und andere Leistungserbringer werden digitale Anwendungen nur dann akzeptieren, wenn sie den Alltag erleichtern und Entscheidungen verbessern.

Drittens: Datenräume brauchen Governance. Ohne gemeinsame Verantwortung, gemeinsame Ziele und gemeinsame Versorgungslogik bleiben Datenräume technisch beeindruckend, aber praktisch wirkungsschwach.

Carsten Schmid bringt diese Haltung in seinem LinkedIn-Beitrag „Vom Datensilo zur echten Entscheidungsbasis – wo stehen wir wirklich?“ auf den Punkt: „Der Patientendatenraum entsteht nicht durch Systeme, sondern durch abgestimmtes Handeln.“

Das ist vielleicht der wichtigste Satz der gesamten Debatte.

Denn der Weg vom Datensilo zum Patientendatenraum ist kein reines IT-Projekt. Er ist ein Organisationsprojekt. Ein Kulturprojekt. Und vor allem: ein Versorgungsprojekt.

Für nursIT heißt das: Digitale Dokumentation darf nicht mehr nur einzelne Einrichtungen unterstützen. Sie muss anschlussfähig werden für regionale, intersektorale und patientenzentrierte Versorgung. Es geht um Systeme, die Daten nicht nur erfassen, sondern entlang der Patient Journey nutzbar machen — für Pflege, Medizin, Therapie, Management und Patientinnen und Patienten selbst.

Die vollständige Diskussion im Video zeigt, wie viel bereits in Bewegung ist, aber auch, wie ehrlich die Branche über ihre Baustellen sprechen muss. Genau diese Ehrlichkeit macht das Panel sehenswert.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Haben wir genug Daten?

Die entscheidende Frage lautet: Sind wir bereit, Versorgung so zu organisieren, dass diese Daten endlich wirken können?

🎥 Sehen Sie sich die komplette Diskussion an!

Sie möchten tiefer in die Argumente von Dr. Nina Bougatf, Dr. Matthias Norden, Joachim Maurice Mielert und Jakob Scholz eintauchen? Erleben Sie die Dynamik dieser ehrlichen und richtungsweisenden Debatte selbst. Credit: DMEA

 

Zum Schluss gilt unser Dank allen Beteiligten dieser offenen und bemerkenswert differenzierten Diskussion.

Vielen Dank an die Diskutanten:

  • Dr. Nina Bougatf (CGM Clinical) für die klare Einordnung der technologischen und semantischen Herausforderungen in der klinischen Realität,
  • Dr. Matthias Norden (mio42) für die Perspektive auf Standardisierung, Interoperabilität und das „Patientenuniversum“,
  • Jakob Scholz (KV Westfalen-Lippe) für die praxisnahe Sicht aus der ambulanten Versorgung,
  • sowie Joachim Mielert für die konsequente Stimme der Patientensicherheit und Patientenperspektive.

Ein besonderer Dank gilt außerdem dem Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e. V. für die Organisation und Durchführung des Forums sowie der DMEA als Plattform für genau die Diskussionen, die das Gesundheitswesen jetzt braucht: ehrlich, sektorenübergreifend und mit Blick auf reale Versorgung statt reine Digitalisierungsrhetorik.

Und natürlich danken wir Carsten Schmid, der die Diskussion nicht nur moderiert, sondern die zentralen Fragen der Branche klar benannt hat: Wie schaffen wir aus Daten echte Entscheidungsgrundlagen? Wie überwinden wir sektorale Grenzen? Und wie organisieren wir Versorgung künftig wirklich patientenzentriert?