Kurz nach halb neun rollt der Frühstückswagen zurück auf den Flur. Auf den Tabletts liegt, was übrig geblieben ist: ein angebissenes Brötchen, ein leerer Joghurtbecher, eine unberührte Scheibe Käse. Ein Viertel. Die Hälfte. Drei Viertel. Auf dieser Einschätzung, dreimal täglich, über Tage hinweg, ruht in deutschen Kliniken die gesamte Ernährungsdokumentation. Und sie entsteht selten in dem Moment, in dem das Tablett vor der Pflegekraft steht. Häufiger wird der Eintrag verschoben, am Schichtende aus dem Gedächtnis nachgetragen oder unter Zeitdruck ganz ausgelassen.
Seit März 2026 ruht auf genau diesen Einträgen eine gesetzliche Pflicht. Mit dem Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) hat der Bundestag das systematische Ernährungsscreening für stationäre Patientinnen und Patienten verbindlich verankert. Der Anlass ist gut belegt: Bis zu 30 Prozent aller Krankenhauspatienten in Deutschland sind laut Deutscher Gesellschaft für Ernährungsmedizin von Mangelernährung betroffen oder gefährdet, und rund 55.000 Todesfälle jährlich gelten als vermeidbar.
Dr. Thomas Hartkens, Chief Innovation Officer der nursIT Institute GmbH, hat die klinische Kette dahinter bei der Produktdemo auf der DMEA 2026 nachgezeichnet. Sein Ausgangspunkt: Viele Patientinnen und Patienten bringen die Mangelernährung gar nicht mit ins Haus, sie entsteht oder verschärft sich dort. Hartkens verweist auf einschlägige Fachpublikationen, wonach sich die Ernährungssituation bei bis zu 65 Prozent der Betroffenen im Verlauf der Liegezeit weiter verschlechtert.
Es ist eines der paradoxesten Probleme des modernen stationären Gesundheitswesens: Menschen begeben sich in klinische Behandlung, um zu genesen, und nicht selten verschlechtert sich während des Aufenthalts ausgerechnet ihr Ernährungszustand.
Die Folgen sind klinisch messbar und ökonomisch relevant: verzögerte Wundheilung, erhöhte Komplikationsrate, deutlich verlängerte Verweildauer. Das Tückische daran ist der schleichende Charakter. Ein ausgelassenes Mittagessen fällt niemandem auf, eine über eine Woche hinweg langsam absinkende Kalorien- und Proteinzufuhr ebenso wenig, solange niemand die Werte zusammenrechnet. Genau dafür existiert die Ernährungsdokumentation, und genau an dieser Stelle beginnt das Problem.
Die Nahrungsaufnahme ist ein früher und gut messbarer Indikator für klinische Verschlechterung, für den Genesungsverlauf und für das Mangelernährungsrisiko. Darin verhält sie sich ähnlich wie Puls, Temperatur oder Sauerstoffsättigung. Anders als diese wird sie jedoch nicht gemessen, sondern geschätzt, und im hektischen Stationsbetrieb oft gar nicht erst dokumentiert. Ohne konsistente Erfassung kommen Interventionen zu spät, weil niemand den Abwärtstrend sieht, solange er noch leicht zu korrigieren wäre.
Die Datenlage zur Schätzmethode ist unangenehm eindeutig. Victoria Castellanos und Yvonne Andrews verglichen bereits 2002 die Schätzungen von Pflegehilfskräften mit gewogenen Referenzwerten. Unter Routinebedingungen traf die Angabe in 44 Prozent der Fälle zu, die Intraklassen-Korrelation lag bei schwachen 0,464. Wichtiger als die Trefferquote ist die Richtung des Fehlers: Geschätzt wurde systematisch zu hoch, und zwar umso stärker, je weniger gegessen worden war. Von den Mahlzeiten mit weniger als 75 Prozent Verzehr erkannte das Verfahren nur jede vierte (J Am Diet Assoc 2002;102:826–830). Ausgerechnet die gefährdeten Patienten verschwinden also am zuverlässigsten in der Statistik.
Eine australische Arbeitsgruppe um Michelle Palmer kam 2015 im Akutkrankenhaus zu vergleichbaren Ergebnissen: 93 Prozent der Ernährungsprotokolle waren unvollständig, die Übereinstimmungsgrenzen reichten von minus 497 bis plus 552 Kilokalorien pro Mahlzeit (Clin Nutr 2015;34:761–766). Zwei Kolleginnen, dasselbe Tablett, zwei Werte, die um eine komplette Mahlzeit auseinanderliegen können. Eine japanische Untersuchung von 2016 bestätigt das Muster und zeigt zusätzlich, dass die Genauigkeit bei pürierten und texturmodifizierten Kostformen weiter abnimmt (Clin Nutr 2016).
Diese Zahlen stammen aus Untersuchungen, in denen die Beurteilenden das Tablett noch vor sich hatten. Im Klinikalltag kommt der zeitliche Abstand hinzu. Keine dieser Studien wirft dem Personal Nachlässigkeit vor. Sie beschreiben die Leistungsgrenze einer Methode, die unter Zeitdruck eine quantitative Einschätzung mit bloßem Auge verlangt, häufig aus der Erinnerung.
Eine unscharfe Einzelangabe wäre verkraftbar, wenn sie für sich stünde. Der klinische Zweck ist jedoch der Verlauf: Erkannt wird ein Ernährungsrisiko über Schwellenwerte, etwa eine Energiezufuhr unterhalb der Hälfte des Bedarfs über mehrere Tage. Sind die Einzelwerte nach oben verzerrt und schwanken sie zusätzlich zwischen den Beurteilenden, überträgt sich beides in die Kurve. Was dort als Trend erscheint, bildet dann womöglich ab, wer an welchem Tag Dienst hatte.
Dazu kommt die Zeitfrage. Eine sorgfältige Dokumentation für jeden Patienten, dreimal täglich, ist auf einer Station mit unbesetzten Stellen nicht durchzuhalten. Die 93 Prozent unvollständigen Protokolle sind insofern kein Ausreißer, sondern die logische Folge.
Um diese Lücke zu schließen, haben wir bei nursIT careIT Meal Tracker entwickelt. Die Anwendung reduziert die Dokumentation auf zwei Aufnahmen pro Mahlzeit, beide an Punkten, an denen die Pflegekraft ohnehin am Tablett steht. Erkennung, Bestimmung der Verzehrmenge und Eintrag in die Akte laufen danach automatisch.
Die App ist bewusst minimal gehalten, mit einer primären Aktion pro Bildschirm und ausgelegt auf Einhandbedienung mit Handschuhen. Die Erfassung funktioniert offline, die Analyse folgt nach der Synchronisation. Zusätzliche Hardware ist nicht erforderlich, die Anwendung läuft auf den Smartphones, die auf Station ohnehin im Einsatz sind.
Das Ergebnis ist kein Fotoarchiv. Die Bilder sind der Input, der strukturierte Eintrag in der Akte ist das Ergebnis.
Die Klassifikation bleibt dieselbe wie im Papierprotokoll: ein Viertel, die Hälfte, drei Viertel, voll. Eine Bildanalyse liefert keine gewogene Referenz. Was sich ändert, ist die Art, wie dieser Wert entsteht.
Er ist reproduzierbar, weil dasselbe Bildpaar unabhängig von Schicht, Erfahrung und Zeitdruck zum selben Ergebnis führt. Er entsteht am Tablett statt aus der Erinnerung, mit einem Zeitstempel für den Zeitpunkt der Mahlzeit. Und er bleibt überprüfbar, weil das Bildpaar erhalten bleibt.
Für die Praxis entscheidend ist die Vollständigkeit. Ein Verfahren, das zusätzliche Arbeitszeit kostet, wird auf einer unterbesetzten Station lückenhaft ausgeführt. Hier entfällt die manuelle Dokumentation aus dem Mahlzeitablauf, statt ihn zu verlängern. Künstliche Intelligenz, so Dr. Hartkens, entfaltet ihren Mehrwert erst dann, wenn sie unmittelbar im klinischen Workflow sitzt.
Klinisch relevant ist nicht die einzelne Mahlzeit, sondern die Reihe. Die Daten aus careIT Meal Tracker fließen deshalb ohne Medienbruch in unsere klinische Dokumentationssoftware careIT und werden direkt als Patient-Ressource in ein FHIR-CDR geschrieben. In der Kurve erscheinen die Einträge als Portionssymbole, Flüssigkeitseinfuhren laufen in die Bilanz ein.
Damit wird das Ernährungsscreening zum Nebenprodukt des ohnehin stattfindenden Arbeitsablaufs. Ein über mehrere Tage absinkender Energie- oder Proteinwert wird sichtbar, solange die Intervention noch einfach ist: angepasste Kostform, Zwischenmahlzeiten oder Zuweisung an die Diätassistenz.
Mit Photo2FHIR übertragen wir das Prinzip unserer sprachbasierten Lösung careIT Voice (Speech2FHIR) auf die Nahrungsaufnahme. Die Ergebnisse der Bildanalyse liegen als standardisierte FHIR-Ressourcen vor, systemübergreifend verfügbar und auswertbar statt in einem proprietären Datensilo.
Die Screening-Pflicht setzt verlässliche Daten voraus. Eine Methode, die in weniger als der Hälfte der Fälle richtig liegt, bei gefährdeten Patienten systematisch zu hoch schätzt und häufig erst Stunden später erfolgt, erfüllt diese Voraussetzung nicht. careIT Meal Tracker ersetzt sie durch eine einheitliche, zeitgestempelte Erfassung, die weniger Zeit kostet als das Verfahren, das sie ablöst.
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